Eine neue Gaspipeline quer durch Süddeutschland?

Alle reden vom Klima – aber unterdessen wird auch hier in der Region weitere fossile Infrastruktur geplant

Wenn es nach dem Unternehmen Terranets-BW ginge, würde in Bälde eine neue Schneise durch die Region gegraben und eine neue Gaspipeline darin verlegt werden. Bereits seit 2006 hatte es entsprechende Pläne gegeben, diese sollen nun also nach langer Planungspause umgesetzt werden. Die geplante Pipeline „Süddeutsche Erdgasleitung“ (SEL) soll aus Hessen kommend quer durch den Rhein-Neckar-Kreis laufen und bis nach Bayern hineingeführt werden. Für das Projekt, so erläutert das Unternehmen, werde derzeit innerhalb eines vom Regierungspräsidium Karlsruhe schon vor vielen Jahren genehmigten Korridors ein Planfeststellungsverfahren vorbereitet, um den exakten Verlauf festzulegen.

Symbolbild: Terranets-BW plant eine neue Gaspipeline quer durch Süddeutschland – dabei muss Deutschland doch so rasch wie möglich aus den fossilen Energien aussteigen. Foto: NCPA Online auf flickr (Lizenz CC-BY 2.0)

Ein Plan von 2006 – macht das noch Sinn heute?

Quer durch das Parteienspektrum hieß es in Deutschland zuletzt, man müsse den Klimaschutz nun endlich ernst nehmen, Tempo machen. Über eine halbe Million Menschen drängten beim letzten Klimaaktionstag am 24. September kurz vor der Bundestagswahl das Land, den Worten endlich Taten folgen zu lassen: Einen raschen Ausstieg aus den fossilen Energien Kohle, Öl und Gas einzuleiten und zu beschleunigen und die Bedrohung durch die Klimakrise nicht mehr länger kleinzureden. Und dennoch nun eine neue Gaspipeline?

Seit dem Planungsbeginn für das Projekt im Jahr 2006 hat sich Welt fundamental geändert: Häufiger werdende Extremwetterereignisse hierzulande wie weltweit verdeutlichen, wie sehr uns die bedenkenlose Nutzung fossiler Energieträger in die Sackgasse geführt hat. Die Dringlichkeit eines Umsteuerns liegt für alle klar vor Augen, die Erneuerbaren Energien haben einen vor 15 Jahren noch nicht für möglich gehaltenen Aufschwung hingelegt, trotz der wenig ambitionierten Linie der gerade abgewählten Bundesregierung. Die Landesregierung in Baden-Württemberg hat zuletzt mutige Beschlüsse für eine weitere Beschleunigung des Ausbaus der Erneuerbaren getroffen und es ist damit zu rechnen, dass auch die neue Bundesregierung bald einschwenkt und das Thema endlich mit höchster Priorität vorantreibt. Der Ausbau von neuer fossiler Infrastruktur dagegen sollte in einer solchen Welt grundsätzlich auf den Prüfstand, statt auf der Basis alter Pläne weiter vorangetrieben zu werden.   

Ist die neue Pipeline erforderlich? Was sagen die Fachleute?

Die Pipeliner-Planer von Terranets-BW erklären im Gespräch geduldig, sie müssen die Versorgungssicherheit sicherstellen und dafür müsse man für die nächsten zehn Jahre sogar von einem um 30% ansteigenden Gasbedarf ausgehen. Und wenn dieser Trend früher zu Ende gehe wegen eines rascheren Umstiegs auf die Erneuerbaren Energie, umso besser, dann sei die geplante SEL dennoch zukunftssicher, weil „H2-ready“, also bereit zum Transport auch von Wasserstoff.  Mit der Annahme von weiter ansteigenden Bedarfen steht Terranets-BW aber im Widerspruch zu Energiefachleuten aus der Wissenschaft. Für das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung DIW hat Prof. Claudia Kemfert zuletzt klargestellt: „Neue Gaspipelines und Flüssiggas-Terminals sind in Europa überflüssig.“ Skeptisch sind auch die Fachleute des Thinktanks Agora Energiewende: „Die Bundesnetzagentur muss nun darauf bestehen, dass die Fernleitungsnetzbetreiber die veralteten Planungsgrundlagen aufgeben und den Szenariorahmen zum Netzentwicklungsplan Gas 2022-2032 entsprechend der aktuellen Zielvorgaben grundlegend überarbeiten“. Auch die Fachleute beim BUND sind überzeugt: „Der Erdgas- und Wasserstoffbedarf für die Energiewende werde mit großer Wahrscheinlichkeit deutlich überschätzt.“. Hermino Katzenstein (MdL, Grüne) teilt die Bedenken, ob denn der angenommene Mehrbedarf angesichts der bereitstehenden Alternativen bei der Wärmeversorgung und dem absehbaren Anstieg bei der erneuerbaren Stromerzeugung tatsächlich besteht.

200-300 Millionen Euro soll die SEL nach Auskunft der Terranets-BW kosten und ohne staatliche Förderung auskommen – zunächst! Denn auf Nachfrage räumt man ein, dass man durchaus plant, sich mit dem Argument „H2-ready“ irgendwann auch nach den Fördertöpfen für Wasserstofftechnologien in Deutschland umzusehen.

Erneuerbare Energie ausbauen – viel, rasch, jetzt!

Für den Umstieg in die neue Energiewelt hin zu den Erneuerbaren Energien stellen weitere Investitionen in die klimaschädlichen fossilen Energien ein ernstes Hemmnis dar. Den derzeit noch in den Terranets-BW Prognosen angenommenen Anstieg bei der Nutzung von Erdgas gilt es soweit möglich zu verhindern, wenn Deutschland seine Klimaziele erreichen soll. Diese Ziele hat sich die Landesregierung ebenso auf die Fahnen geschrieben, wie die derzeit verhandelnden Ampel-Partner für die neue Bundesregierung. Zudem wird Gas in Zukunft auch verstärkt lokal, dezentral über Power2Gas-Kapazitäten hergestellt und verteilt werden – zusätzliche überregionale Pipelines würden dafür nicht gebraucht. Vermehrt auf Gaslieferungen aus Russland oder auf Fracking-Gas aus den USA zu setzen, führt daher in die falsche Richtung: Es erhöht die Abhängigkeit Deutschlands bei der Energieversorgung wie in den letzten Wochen gesehen und verhindert die nötigen und angekündigten Schritte zu einer Minderung der CO2-Emissionen: Alles im allem ist Erdgas was die Klimaschäden angeht, ohnehin praktisch auf Augenhöhe mit der vielkritisierten Kohle. In den Planungen von Terranets-BW finden sich auch Abschätzungen über einen ab 2032 sprunghaft ansteigenden Bedarf an Wasserstoff. Ist bis dahin der derzeit von allen Parteien geplante Abschied von den fossilen Energieträgern wie auch Erdgas in vollem Gange, so würden auch die bestehenden Leitungen Potenzial für die Einspeisung von Wasserstoff haben.   

Was sagt die Politik in der Region?

Die Grüne Kreistagsfraktion im Rhein-Neckar-Kreis sieht das Wiederaufleben der alten Pläne kritisch: „Neue Anlagen für die fossilen Energien sind einfach nicht das, was derzeit noch benötigt wird. Politik, Behörden und Unternehmen werden in den nächsten zehn-fünfzehn Jahren alle Hände von zu tun haben, um den Ausbau der Erneuerbaren Energien sowie Maßnahmen wie Gebäudedämmung zur Einsparung auf das nötige Niveau zu heben. Die geplante neue Gaspipeline ist dabei nur hinderlich.“ heißt es bei den Kreistags-Grünen. Zumal nicht geklärt ist, weshalb die neue SEL, überhaupt durch neues Gebiet geführt werden soll: Gerade im Rhein-Neckar-Kreis sehen die Pläne vor, dass die SEL schon bei Heidelberg-Rohrbach nach Osten abbiegen soll, statt entlang der bestehenden Gasleitungen zunächst nach Süden und dann mit einem Schwenk nach Osten ebenfalls Heilbronn erreichen soll. Terranets-BW erklärt auf Nachfrage, man wolle sich nun einfach an die vorliegenden Genehmigungen halten. Bedauerlich ist dies sicher nicht nur für die Weinberge südlich von Heidelberg, die hierfür im Weg stünden.

Aus Heidelberg, durch dessen Stadtgebiet die neue Pipeline führen soll, liegt ein einstimmiger Gemeinderatsbeschluss vor, in dem man sich gegen das Projekt ausgesprochen hat. Oberbürgermeister Eckart Würzner sieht „große Vorbehalte“: Erdgas sei kein Zukunftsmodell. Der Rhein-Neckar-Kreis, durch dessen Landkreis die geplante Pipeline ebenfalls über viele Kilometer laufen würde, hat sich bislang hierzu nicht so eindeutig wie die Kolleg:innen in Heidelberg positioniert.  

Die Grünen im Rhein-Neckar-Kreistag, die die Stellungnahme der Heidelberger Kommunalpolitik begrüßen, wünschen sich eine ähnlich klare Positionierung des Rhein-Neckar-Kreises: „Bislang hat sich der Kreistag hierzu leider noch keine Meinung gebildet. Wir hoffen aber, die Menschen auch hier in der Region Rhein-Neckar schauen genau hin, was hier geplant wird und beteiligen sich aktiv und kritisch an den nun kommenden Gesprächen mit den Pipelineplanern von Terranets-BW“, so die Grünen im RNK-Kreistag. „Unsere Linie hierzu ist klar: Statt weiter Zeit und Geld in die Planung von fossilen Projekten zu stecken, braucht es auf allen Ebenen klare Unterstützung für den umgehenden und massiven Ausbau der Erneuerbaren Energien: Bei Wind, PV, Geothermie, Flusswärme, Biomasse sowie Abwärme aus Industrieprozessen. Hier müssen wir nun dringend mit Priorität vorankommen.“ Was die SEL angeht, so sollte nun mit den Fachleuten von Agora, DIW, BUND und anderen dringend untersucht werden, ob die vorliegenden Abschätzungen über die Bedarfsentwicklung bei Erdgas noch in die Zeit passen, bevor die Bagger Fakten schaffen.

Stefan Geißler

Kreisrat, Bündnis 90 / Die Grünen im Rhein-Neckar-Kreis

Was sollte nun getan werden?

  • Erkundigen Sie sich bei Terranets-BW nach den weiteren Schritten der Planung, nach Gesprächen bei Ihnen vor Ort und melden Sie sich zu Wort.
  • Erkundigen Sie sich bei Ihren Abgeordneten und bei Ihrer Stadtverwaltung.
  • Wenn möglich und so weit noch nicht geschehen: Beginnen Sie auch Ihren eigenen Abschied von fossilen Energien einzuleiten.


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