„Das ist jetzt zu 100 % sicher – das kommt jetzt!“

Beatrice Ellerhoff beschreibt den aktuellen Stand der Forschung rund um Klimaerhitzung und aufkommendem El Niño bei Vortragsabend der Grünen

Volles Haus bei der jüngsten „Echt Jetzt?“-Veranstaltung von Bündnis 90 / Die Grünen am Donnerstag 24.9. in der Villa Menzer: Den zuletzt ankommenden Gästen blieb nichts anderes übrig, als vor der Tür die Ohren zu spitzen und die Hälse zu recken: Ein faktenreiches Programm wartete auf das Publikum an diesem Abend, an dem Dr. Beatrice Ellerhoff, Physikerin beim Deutschen Wetterdienst, zunächst die weltweite Entwicklung beleuchtete und anschließend der Neckargemünder Klimaberater Thomas Hirsch die Dinge für die lokale Ebene herunterbrach: Was kommt auf uns zu und was können wir tun?

Antizipieren – Mildern – Reagieren

Der derzeitige Temperaturanstieg ist menschengemacht, er findet inzwischen in einer Geschwindigkeit statt, wie nie zuvor in der Geschichte der Erde und das Zeitfenster, in dem sich die schlimmsten Folgen noch vermeiden lassen, ist dabei, sich rasch zu schließen, stellte Beatrice Ellerhoff zu Beginn ihres Beitrages klar. Es gehe darum, die Entwicklungen richtig vorherzusehen, sie nach Möglichkeit abzumildern und auf das, was kommt, angemessen zu reagieren. Am Beispiel ihrer eigenen Familie verdeutlichte sie die Rasanz der Entwicklung: So habe der CO2-Gehalt in der Atmosphäre bei der Geburt ihrer eigenen Mutter noch bei 320ppm gelegen, bei ihr selbst bereits bei 360ppm, und ihre kleine Tochter sei schon bei 420ppm zur Welt gekommen. „Die letzten 11 Jahre waren die 11 wärmsten, die je gemessen wurden“, so Ellerhoff. Ob es um die Schneemassen in den Bergen, die Wasserstände in den Flüssen oder die Folgen für Wälder und Landwirtschaft gehe: Warnsignale aus allen Richtungen.

Und als sei es damit noch nicht genug, habe sich für die zweite Jahreshälfte auch noch ein El Niño angekündigt. Ein natürliches Wetterphänomen, das in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen weltweit in manchen Regionen für große Dürren, in anderen für Überschwemmungen sorge und dessen Effekte zu dem menschengemachten Klimawandel noch hinzukämen. „Hier ist sich die Wissenschaft inzwischen zu 100 % sicher: Es steht ein überaus starker El Niño bevor.“ Doch während darüber inzwischen Einigkeit herrsche, sei es nach wie vor sehr schwer, exakt vorherzusagen, wann genau wo welche Folgen eintreten. „Gerade Starkregen ist extrem schwer zu modellieren. Man kann beim Klima inzwischen die Mittelwerte mit sehr großer Genauigkeit vorhersagen, aber die einzelnen Extremereignisse eben nicht“, erläuterte Ellerhoff und beschrieb die Zusammenhänge dahinter. Und man hätte sich gewünscht, so mancher Zeitgenosse, der sich abwertend über die Klimawissenschaften mit dem Vorwurf mokiert, wie denn das Wetter in Jahrzehnten bekannt sein soll, wenn es noch nicht mal in vier Wochen vorhergesagt werden kann, hätte bei diesem Abschnitt gut zugehört.

Was tun?

So weit, so beklemmend. Im dritten Teil ihres Vortrags beschrieb Beatrice Ellerhoff, wie Gesellschaft und Politik auf diese Entwicklung reagieren sollten. „2/3 der klimaschädlichen Emissionen gehen von bewohnten Gebieten, von unseren Städten aus.“ Daher käme den Kommunen auch eine maßgebliche Rolle dabei zu, ihm Einhalt zu gebieten. Besonders großes Potenzial sah sie hier beim Verkehr, der anders als beispielsweise Energiewirtschaft und Industrie bislang noch kaum Tendenzen zur Minderung seiner klimaschädlichen Emissionen zeige.

Die Rolle der Kommunen stand dann auch im Zentrum des Beitrags von Thomas Hirsch, der in Neckargemünd als Mitglied des Klimaschutzbeirates die Lokalpolitik in Fragen von Klimaschutz und -anpassung berät. Hier gibt es inzwischen durchaus Lichtblicke: In Neckargemünd sei die Stadtverwaltung mit engagierten Fachleuten am Thema dran, auch in der Bewirtschaftung der Wälder sei man dabei, auf die veränderten Bedingungen zu reagieren. Generell sei die Einrichtung eines Klimabeirates, der Kommunen mit Expertise in diesen Fragen unterstützen kann, eine gute Idee. Stadtrat und MdL Hermino Katzenstein konnte die gute Nachricht beisteuern, dass die aus der Zeit gefallene Altstadtsatzung, mit der bis heute Solaranlagen in der Neckargemünder Altstadt nicht etwa gefördert, sondern schlicht verboten seien, nun endlich geändert werde.

Keine Spur von Überdruss am Thema Klima

Zur anschließenden Diskussion schnellten viele Finger in die Höhe und zahlreiche Beiträge und Fragen wollten berücksichtigt werden: Zwei jüngere Anwesende ermunterten Politik und Wissenschaft, klarer zu „sagen, was Sache ist“, und fragten nach Vorschlägen, wo man sich denn einbringen könne, wenn man selbst vom Reden ins Handeln kommen wolle. Es wurde die Zurückhaltung der entwickelten Länder, auch Deutschlands, bei der internationalen Zusammenarbeit beklagt und die Frage in den Raum gestellt, wie denn die Kommunen angesichts leerer Kassen ihrer Verantwortung bei diesen Themen nachkommen sollten. Und warum nochmal ist gerade Europa der Kontinent, der sich am stärksten erwärme? Ellerhoff erläuterte auch das im Detail und verwies unter anderem auf den starken Einfluss der Arktis: Weil in der Arktis, anders als in der Antarktis die Eismassen nicht auf einer Landmasse säßen, sondern im sich erwärmenden Ozean schwämmen, gehe hier die Eisabdeckung noch rascher zurück als auf der Südhalbkugel. „Das dunklere Meerwasser reflektiert weniger Sonnenlicht als das Eis, nimmt dadurch mehr Sonnenenergie auf und erwärmt sich weiter. Dies bezeichnet man als Albedo-Effekt. Ich bin überzeugt, noch zu meinen Lebzeiten, werden wir im Sommer am Nordpol komplett eisfreie Zeiten erleben.“, so die Expertin.

Versammlungsleiter Stefan Geißler entließ die Vortragenden nach zwei Stunden voller dichtgepackter Informationen unter dem warmen Applaus der über 60 Anwesenden, nicht ohne die bei Veranstaltungen der örtlichen Grünen traditionellen Gläser Honig. Ein Saal, der aus allen Nähten platzt, wenn es ums Thema Klima geht; ein aufgewecktes Publikum, das den Fachleuten an den Lippen hängt: „Listen to the science“ hatte an diesem Abend im Zentrum gestanden und auch wenn die Neuigkeiten nichts Gutes verheißen, überwog die Stimmung, nicht aufzustecken, sondern sich an der Suche nach Lösungen und deren Umsetzung zu beteiligen.

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